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brain detox statt botox

Ihr kennt bestimmt auch die Menschen die sagen: Also ich schau fast gar nicht mehr fern, höchstens Tagesschau oder mal Tatort. Früher hätte sich mein Neid darüber ereifert, weil ich noch in meiner Fernsehsucht steckte. Meine Sucht war allerdings nie so gravierend, dass ich Tatort angeschaut habe. Heute schaue ich nur noch Nachtcafé in der Mediathek und viel youtube, muss ich zugeben. Die Sucht hat sich also vom Fernsehen aufs Internet verlagert, auch wenn ich mir inzwischen fast nur sinnvolle Dinge anschaue.

Noch intellektueller als Tagesschau ist es sich jeden Tag durch die Süddeutsche zu kämpfen. Als Akademiker und Weltbürger muss man ja informiert sein. Ich musste mich immer zwingen Nachrichten zu lesen oder zu schauen, weil es mich einfach nicht interessiert und ich habe mich dafür geschämt, dass ich so desinteressiert und unintellektuell bin. In den letzten Monaten hat sich rausgestellt, dass ich nicht viel verpasst habe, denn objektive unvoreingenommene Berichterstattung, die alle Meinungen zu Wort kommen lässt, ist anders und Angst machen konnte ich mir bisher schon ganz gut allein.


Sobald zwei oder drei versammelt sind, muss man nicht lange warten bis die Sprache auf Politik kommt, da stand ich immer blöd da. Im Nachhinein fällt mir auf, dass das besonders bei Menschen der Fall ist, die ungern über sich selbst reden und in ihrer Opferhaltung immer einen Schuldigen für irgendwas finden. Wenn es wirklich der Wahrheit entspricht, dass die meisten Deutschen nur Tagesschau und Tatort anschauen, dann wundert es mich auch nicht, dass unsere Gesellschaft so von Angst und Misstrauen geprägt ist. Mir ist inzwischen klar, dass zu viel Fernsehen dieselbe Betäubung wie übermäßiger Alkohol oder sonstiger Konsum ist. Andererseits glaube ich, dass es für unsere psychische Gesundheit wichtiger wäre ab und zu eine Comedy-Sendung statt Nachrichten anzuschauen.


Um ein interessanter Gesprächspartner zu sein, muss man sich also mit Weltpolitik auskennen? Wenn doch jeder dieselben Nachrichten gesehen hat, warum sollte man die sich noch gegenseitig erzählen? Ist doch eh allen klar! Wäre es nicht spannender über sich zu reden? Darüber wird in den Nachrichten nicht berichtet. Also nicht was man heute gegessen hat, sondern wirklich über sich. Stell dir das einmal vor!


Ich habe jedenfalls wieder gefastet, dieses Mal nur zwei Tage, allerdings unter erschwerten Bedingungen. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Handy, kein Radio, nicht einmal offline-Bücher! Auf die Idee hat mich das Buch von Mischa Miltenberger gebracht, der darin schreibt, dass diese Therapieform in der psychosomatischen Klinik in Scheidegg angeboten wird und dort von den wenigsten Patienten in Anspruch genommen wird. Unglaublich, dass man heutzutage in eine teure Klinik gehen muss um unseren Medien zu entfliehen. Ich habe so etwas schon zweimal gemacht, 2001 und 2002 bei einem Ferienjob als Statistin auf einem amerikanischen Truppenübungsgelände. Um Spionage zu verhindern waren Handys, Kameras, Laptops und jeglicher Kontakt zur Außenwelt verboten. Wir waren also dort 3 Wochen völlig isoliert von der Welt ohne Nachrichten und sonstige Berieselung. Wir standen morgens um 5 auf und saßen meistens in einem Rohbau oder draußen und redeten. Damals hörte ich zum ersten Mal von einer schamanischen Schwitzhütte. Aus jetziger Sicht war das nichts anderes als ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik und ich verdiente noch gutes Geld dabei. Es war wirklich eine schöne Zeit, die ich auch unentgeltlich dort verbracht hätte.


Das offline-Wochenende war interessant und ich kam endlich mal wieder dazu die Wohnung zu putzen, denn ich wollte die Zeit sinnvoll nutzen. Normalerweise lese ich stattdessen. Meine Gedanken, die ich mir in meinem Notizbuch notierte, waren vorwiegend positiv und produktiv, vermutlich weil ich die negativen Gedanken schon zuvor beim Wandern abgearbeitet hatte. Eine komplett neue Erfahrung war, dass ich mich wieder auf Kontakt mit Menschen gefreut habe. Dass ich das mal schreiben würde, hätte ich auch nicht gedacht! Es geht bei diesem Experiment nicht nur darum seiner Internetabhängigkeit zu begegnen, sondern auch mit seinen eigenen Gedanken konfrontiert zu werden. Sehr spannend, probiert es mal aus, Zuhause ist das Experiment sogar kostenlos und ihr braucht gar nichts dafür.



Irgendwann nimmt die Seele die Farben deiner Gedanken an.

Mark Aurel, römischer Kaiser und Philosoph, 121 - 180


Quelle:

Miltenberger, Mischa: Mut ist Angst plus ein Schritt



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